Das gefürchtete eBook letztlich harmlos?

Mag man Gerüchten Glauben schenken, so scheint die Invasion des eBooks unerbittlich an Boden zu gewinnen. Auch die, oft nicht weniger fragwürdigen Statistiken scheinen diesen Trend zunächst zu bestätigen: Wurden in Deutschland im Jahre 2010 noch 1,9 Millionen eBooks abgesetzt, so stand nur vier Jahre später bereits eine knappe 25 mit sechs Nullen in der Bilanz (Quelle: de.stattista.com). Ein Grund für die Printbuchindustrie in Panik zu geraten?

Diese sagen wir mal Verdreizehnfachung des Absatzes an eBooks mutet zugegebenermaßen majestätisch an und suggeriert eine exponentiell steigende Beliebtheit. Was majestätisch allerdings tatsächlich bedeutet, zeigt die Absatz-Statistik handfester Bücher: Rund 416 Millionen Exemplare wurden in Deutschland allein in 2010 abgesetzt; 2014 waren es noch knapp solide 387 Millionen, immerhin etwas mehr als 2005 (386 Mio.) (Quelle: ebd.). Trotz dieses Rückgangs von rund 7% in vier Jahren bei den klassischen Büchern, fällt die Bilanz in Relation zu den neuen eBooks eindeutig aus: Nach wie vor ist das klassische Buch das am häufigsten konsumierte Lesemedium in Deutschland. Warum dann aber immer dieses Gerede von seinem Verschwinden?

Okay, richten wir den Scheinwerfer doch einmal auf die nüchterne Sachlage: Die Verkaufszahlen von eBooks steigen, die von Printbüchern fallen. Allerdings werden immer noch rund 15 Mal mehr Bücher verkauft als eBooks. Letztere wiederrum sind günstiger. Ein Beispiel: „Lilith und die Dämonen des Kapitals“, das aktuelle Buch von Tomás Sedlácek und Oliver Tanzer kostet bei Amazon als gebundene Ausgabe 26 Euro, während die Kindle Edition mit 19,99 zu Buche schlägt. Zudem bescheinigt etwa die kürzlich veröffentlichte SHELL-Studie der jungen Generation eine sehr hohe Affinität zu digitalen Inhalten, wobei die Frage offen bleibt, welche Rolle dabei das Lesen spielt. Auch die digitale Angebotspalette steigt beständig. Vieles, was ehemals durch einen Gang ins Geschäft „um die Ecke“ noch ganz analog bewerkstelligt werden musste, wie etwa das Entwickeln von Fotos, das Drucken von Postern, Plakaten oder etwa auch Abizeitungen und Einladungskarten, kann heute problemlos vom heimischen Sofa aus im Netz in Auftrag gegeben werden, wie etwa dieser Anbieter paradigmatisch zeigt.

Noch, so könnte man also bezüglich der Büchernutzung annehmen, gibt es genug Nostalgiker, die klassische Bücher lesen, wie aber sieht die Situation in 20 oder gar 30 Jahren aus? Und wie ist überhaupt die Einstellung der deutschen Bevölkerung zur Digitalisierung?

Foto: ARKM

Foto: ARKM

Beginnen wir mit der zweiten Frage. Die „initiative D21“ führt bereits seit 2001 telefonische Interviews mit Menschen ab 14 Jahren in Deutschland durch. Kürzlich veröffentlichte sie die Studien eGovernment MONITOR und D21-Digital-Index – die bisher umfassendsten Studien zum digitalen Nutzungsverhalten der Deutschen. Der letztgenannten Studie zufolge sind im Jahre 2014 rund 77% der Deutschen in irgendeiner Form online aktiv gewesen. Dagegen verhielt sich ein knappes Viertel aller Befragten – immerhin rund 16 Millionen – jedoch immer noch gänzlich Internet abstinent. Die Digitalisierung hänge maßgeblich von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung und Wohnort ab und erreiche somit viele Bevölkerungsteile nahezu kaum, während andere (z.B. in Köln und Umgebung) hervorragend „angeschlossen“ seien. Die Kluft zwischen digital Aktiven und digital Abstinenten wächst zudem beträchtlich, weshalb die Studienherausgeber eine konsequentere Digitalisierung fordern. Dies ist allerdings, und man sollte es öfters betonen, in weiten Teilen zu kurz gedacht, ist doch nicht nur die Quantität der Digitalisierung (sprich der Zugang von und Nutzung der Internets) wichtig, sondern vielmehr und insbesondere die Qualität der digitalen Infrastruktur im Hinblick auf die Datensicherheit sowie im Hinblick auf deren verantwortungsbewusste Nutzung. Es muss auch gefragt werden, inwieweit eine umfassende Digitalisierung seitens der Bevölkerung überhaupt wünschenswert und sinnvoll ist. Ist denn etwa auch hier schiere Alternativlosigkeit angesagt?

Was die Nutzung digitaler Leseangebote in Deutschland angeht, so stellte eine Umfrage, in der Personen ab 14 Jahren befragt wurden, fest, dass die digitale Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften sogar von 31% in 2013 auf rund 29% in 2015 zurückging (Quelle: de.stattista.com). Ungefähr genauso viele informierten sich mehrmals täglich über die neusten Nachrichten. Dagegen befürchteten rund 62% der Befragten, dass ihre Daten im Internet nicht sicher sind. Der Behauptung „Das internet ist für mich eine faszinierende Welt“ stimmten im Jahre 2014 33,9% zu, während es 2013 noch 36,7% waren. Es ist also keineswegs eine eindeutige Entwicklung, mit welcher wir es hier zu tun haben, sondern eine höchst heterogene und paradoxe.

In Bezug auf die oben gestellte erste Frage, und damit soll dieser Beitrag enden, ist es zu bezweifeln, dass das gefürchtete eBook, zumindest in näherer Zukunft, das analoge Buch verdrängen wird. Denken wir doch nur an die gute alte Schallplatte, die ein fulminantes Comeback feiert und bei Musikliebhabern nachwievor hoch im Kurs steht oder an die momentanen, immer noch haushoch überlegenen Absatzzahlen von Büchern gegenüber eBooks. Wie die Entwicklung hinsichtlich der Digitalisierung von Zeitschriften und Zeitung ausschaut, ist hingegen eine gänzlich andere Frage, die Thema eines eigenständigen Artikels zu sein hat. Man darf also gespannt bleiben.